Marvin aus Hamburg macht ebenfalls etwas mit Medien. Er ist Art-Direktor. Doch zu seinem Saab 900 kam er über einige Umwege. Auf einen Opel Corsa folgte ein Audi A3 und darauf ein moderner Saab 9-3. Doch richtig glücklich wurde Marvin mit diesen Gefährten nicht. Bei einem Besuch der Gebrauchtwagenabteilung des örtlichen Saab-Händlers entdeckte Marvin schließlich seinen 900er Turbo. Es handelte sich um ein 87er „Aero“-Modell mit der begehrten 16S-Motorisierung. Ein 2-Liter- 16V-Motor bringt das serienmäßig tiefergelegte Sportcoupé innerhalb von 9 Sekunden aus dem Stand auf 100km/h. Dank des Airflowkits beträgt die Spitzengeschwindigkeit beachtliche 205km/h. Und der schöne Sound des Voll-Turbos verkörpert zusammen mit der Lederausstattung inklusiv serienmäßiger Sitzheizung typisch schwedisches Flair. Ein weiterer Beweis für die Individualität der alten Saab-Schule war zum Beispiel die Anordnung des Zündschlosses zwischen den Vordersitzen sowie die große Sicherheitswindschutzscheibe, die an ein Flugzeugcockpit erinnert. Es gibt jedoch ein Ausstattungsmerkmal, über welches jeder Saab verfügt: Die serienmäßige Sitzheizung, welche ein Saab-Ingenieur erstmals 1971 entwickelt hatte, um einem an Rückenschmerzen leidenden Vorstandmitglied an kalten, frostigen Morgen die Schmerzen zu lindern. Kurz darauf wurde diese Erfindung in die Serienproduktion aufgenommen.


Doch ein 6-Zylinder bedurfte einer kompletten Neuentwicklung und war somit für die Schweden nicht rentabel. Zudem bot das Antriebskonzept mit dem integrierten Getriebe nicht sonderlich viel Platz unter der Motorhaube. Also musste eine andere Lösung her. Mitte der 70er Jahre hatte Saab schon mit dem damaligen Konzernpartner Scania begonnen, einen Benzinmotor mit Turboaufladung zu entwickeln, welcher bereits kurzzeitig beim Vorgänger-Modell zum Einsatz kam. Doch die ersten Generationen waren leider Saab-untypisch unzuverlässig. Die Turbolader quittierten in der Regel vorzeitig ihren Dienst, sodass mancher Besitzer dem Tipp des Werkstattmeisters seines Vertrauens folgte und den Turbo abklemmen ließ, was jedoch die Bleifußaktivitäten auf der linken Spur auf ein Minimum reduzierte. Mit der Zeit bekam Saab doch auch dieses Problem in den Griff. Es wird aber trotzdem wärmstens empfohlen, den Turbo immer warm und wieder kalt zu fahren, was übrigens für sämtliche Turbo-Fahrzeuge vergangener Baujahre gilt.
Schließlich konnte man Ende der 70er Jahre kaum ein cooleres Auto fahren, wenn man bedenkt, dass die VW Käfer, Opel Rekords und die Ford Granadas damals das Straßenbild hierzulande beherrschten.
So kam der Saab 900 vor über 30 Jahren auf den Markt, doch richtig gealtert ist er nicht. Ob es nun an den Langzeitqualitäten oder wohlbetuchter und gewissenhafter Erstbesitzer liegt, sei dahin gestellt. Es ist ein absolutes Erfolgsmodell geworden, welches übergangslos zum Klassiker gereift ist.
Darüber freut sich auch Marvin jeden Tag, wenn er morgens in sein Auto steigt, schließlich begegnen ihm auf dem Weg zur Arbeit garantiert andere Saab 900-Piloten. Stets mit einem freundlichen Lichthupengruß – ausgenommen die älteren Herrschaften in ihren Cabrios ...
Dieser Artikel erschien im ausverkauften ABGEFAHREN Magazin #03
Text: Alex Boehm
Text: Alex Boehm
Fotos: Jel Car Photography